Montag, 19.02.2018 18:30 Uhr - 22:00 Uhr

Die Erben der Arisierung ‐ Vom Umgang heutiger Eigentümer mittelständischer Familienunternehmen mit der NS-­‐Vergangenheit

Erinnern und Wahrhaftigkeit sind von zentraler Bedeutung in einer Zeit, in der antisemitische Ressentiments zunehmen und bei Meinungsumfragen mehr als 50 % der Befragten mit dem Begriff Auschwitz nichts anzufangen wissen. Zum Erinnern an die Zeit des Nationalsozialismus gehört auch ein wenig beachtetes, aber bis heute wirksames Ereignis: Die „Arisierung“ genannte Enteignung der deutschen und europäischen Juden.

„100 Jahre Familientradition“

Den Anfang machte eine E‐Mail aus Basel. Geschrieben hatte sie Rolf Stürm, Enkel eines ehemaligen jüdischen Unternehmers, Adressat war der freie Journalist Armin H. Flesch in Frankfurt am Main: "Lieber Herr Flesch, letzten Sommer fanden sich in unserm Familienarchiv Briefe und Dokumente mit Details über die 1914 gegründete Firma meines Großvaters Ernst Vogel. Sie wurde in den Dreißigern arisiert und änderte ihren Namen in Elsen & Hemer. Die direkten Nachkommen eines der beiden Ariseure betreiben das Unternehmen bis heute.

Das bevorstehende Jubiläum veranlasste mich, dort anzufragen, ob man 2014 eine 100-­‐Jahr-­‐Feier veranstalten und meines Großvaters und Urgroßvaters dabei gedenken würde. Die Elsens antworteten nicht, stattdessen behaupteten sie auf ihrer Website, die Firma blicke auf 100 Jahre Familientradition zurück. Anbei sende ich Ihnen Material aus unserm Archiv. Falls Sie Interesse hätten, diese Geschichte journalistisch aufzuarbeiten und zu publizieren, könnte ich Ihnen weitere Dokumente liefern. Beste Grüße aus Basel, Rolf Stürm."

Wie verhalten sich die Eigentümer?

Diese Anfrage vom 20. Juni 2014 hätte einen nicht zu langen Zeitungsartikel ergeben sollen – keine große Sache, drei, vier Tage Arbeit. Die Archivrecherchen und Interviews zur Enteignung der Firma Gebrüder Vogel nahmen dann jedoch fast ein Jahr in Anspruch. Bei Armin H. Flesch lösten sie eine Beschäftigung mit dem Thema Arisierung aus, die bis heute fortdauert: Wie verhalten sich die heutigen Eigentümer arisierter mittelständischer Familienunternehmen zur Vergangenheit ihres Unternehmens und ihrer Familie? Welche Bedeutung hat die Arisierung für das Verständnis des Holocaust und der deutschen Gesellschaft vor und nach 1945? Auf diese und andere Fragen sucht Flesch mit seiner Arbeit Antworten. Mehrere Zeitungsartikel sind inzwischen von ihm dazu erschienen; derzeit arbeitet er an einem Buch.

Am 19. Februar 2018 um 19 Uhr wird Armin H. Flesch mit seinem Vortrag „Die Erben der Arisierung -­ Vom Umang heutiger Eigentümer mittelständischer Familienunternehmen mit der NS-­‐Vergangenheit ihrer Firmen und Familien“ in Minden zu Gast sein.

Die Veranstaltung der Gesellschaft für Christlich-­‐Jüdische-­‐Zusammenarbeit Minden e.V. findet in Kooperation mit dem Verein Deutsche Sinti e.V. Minden im Bildungszentrum Mer Ketne, Königstraße 3, 32423 Minden, statt. Der Eintritt ist frei.