Besuch der KZ-Gedenkstätte Sandhofen

Erhaltene Bahngleise des ehem. Verladebahnhofs
Patrick Elgg (Gedenkstätte Sandhofen) schildert die Ankunft der Häftlinge

Bericht von Zorica Radoicic

Am 6. April 2005 traf sich unsere Projektgruppe „Sinti und Roma im KZ Natzweiler“ in Mannheim-Sandhofen, um dort mehr über das einstige KZ-Außenlager Sandhofen und dessen Insassen zu erfahren.

Nach einer kurzen Einführung durch einen Mitarbeiter der Gedenkstätte am ehemaligen Bahnhof - dem Ankunftsort der Häftlingstransporte - gingen wir zu Fuß den Weg zur heutigen Gedenkstätte, den auch die Häftlinge damals auf dem Weg zu ihrer Arbeit zurücklegen mussten. Dabei kamen wir an einer Kirche vorbei, vor der die Häftlinge - der Überlieferung nach - beim Läuten der Glocken aus Gläubigkeit ihre Mützen vom Kopf zogen. Viele der Anwohner, die das beobachteten, waren davon überrascht, denn die SS hatte ihnen berichtet, dass es sich bei den Gefangenen um „Kriminelle“ und „Untermenschen“ handele.

Für die Unterbringung der KZ-Häftlinge überließ das städtische Quartiersamt auf Weisung des Mannheimer Oberbürgermeisters das Gebäude der Friedrichschule in der Kriegerstraße 28 in Sandhofen. Dort befand sich eine Jungenschule, bis die SS dort ein KZ für die Unterbringung von Polen einrichtete. Sie wurden nach dem brutal niedergeschlagenen „Warschauer Aufstand“ ins Deutsche Reich verschleppt.

Gedenktafel am Schulgebäude, das zur Unterbringung der Häftlinge diente

Ab dem 27. September 1944 lebten in 16 ehemaligen Klassenzimmern des Schulgebäudes 1060 Häftlinge, die hauptsächlich im Daimler-Benz-Werk in Mannheim-Käfertal für die Rüstungsproduktion arbeiten mussten. Sie wurden aber auch an andere Betriebe in Mannheim von der SS „ausgeliehen“. Das KZ-Außenlager in Sandhofen war ein so genanntes Hungerlager, in dem die Häftlinge hauptsächlich an Hunger oder Krankheiten, wie etwa Lungenentzündung, starben. Dem Standesamt in Sandhofen wurden von der SS insgesamt 22 Tote offiziell gemeldet.

Die Verpflegung war nicht im Mindesten ausreichend im Vergleich zu der harten Arbeit, die die Häftlinge täglich leisten mussten. Sie bestand aus einem Becher Kaffee (bzw. eher einem Kaffee-Ersatz) am Morgen, mittags einem Teller Suppe und abends einem Laib Brot und 20g Butter für drei Personen. Auch die Bekleidung und die Hygiene waren völlig unzureichend: Krankheiten und Läuse waren an der Tagesordnung. Die Häftlinge hatten kaum Möglichkeiten ihre Kleidung zu waschen, geschweige denn sich selbst.

Schulgebäude und Schulhof, der als Appellplatz und Hinrichtungsort diente
Die Gruppe in den Ausstellungsräumen der Gedenkstätte

In den neun Monaten, die die Häftlinge in Sandhofen verbringen mussten, kam es auch zu einer Hinrichtung: der Häftling Marian Krainski wurde am 4. Januar 1944 wegen Sabotage gehängt. Das geschah vor den Augen einiger Mithäftlinge sowie in Anwesenheit von Angestellten des Daimler-Benz-Werks Mannheim, SS-Leuten und Zuschauern aus der Umgebung auf dem ehemaligen Schulhof, der als Appellplatz diente.

Der Besuch in der KZ-Gedenkstätte Sandhofen, die sich in einigen Räumen der Schule befindet, führte uns wieder einmal deutlich vor Augen, wie grausam die Zustände in den Konzentrationslagern waren. Die Aussagen von Häftlingen, dass sie an nichts anderes als - für uns so Selbstverständliches - wie Essen gedacht haben, können wir heute nur schwer nachzuvollziehen. Sehr gut veranschaulicht hat uns das der ausgestellte Gürtel eines Häftlings, dessen Taille nach der Befreiung schmaler war als der Umfang seines Kopfes. Unvorstellbar, doch nachdem ich den Gürtel in die Hand genommen hatte, merkte ich, dass dieser kaum größer war als meine eigene Hand.

Tatsache ist auch, dass ein Großteil der Bevölkerung die Existenz des Konzentrationslagers noch heute verleumdet. Und dies, obwohl sich das Gebäude mitten im Ortskern befindet und auch damals schon von Häusern umgeben war, die einen Einblick in den Innenhof des KZs und auf den Appellplatz hatten, auf dem die Häftlinge sich täglich aufstellen mussten.

Doch gab es auch Menschen, die versuchten, den Gefangenen zu helfen, was wir durch Aussagen in einem Videofilm in der Gedenkstätte erfahren haben. Allerdings waren diese Menschen in Sandhofen, wie überall, leider eine traurige Minderheit.

Gürtel des Häftlings M. Marchewska in der Ausstellung
Der polnische KZ-Häftling M. Marchewska
Internetseite der KZ-Gedenkstätte Sandhofen