Besuch der KZ-Gedenkstätte Neckarelz

Die Projektgruppe auf dem Schulhof (dem ehemaligen Appellplatz des KZ-Außenlagers)
Schulgebäude in Neckarelz
Gedenktafel auf der Rückseite der Schule

Am Nachmittag des 28. April 2005 traf sich unsere Schüler-Projektgruppe "Sinti und Roma im KZ Natzweiler", um eine Exkursion in das KZ-Außenlager Neckarelz bei Mosbach zu unternehmen. Auf dem Programm stand außer dem Besuch der KZ-Gedenkstätte in Neckarelz auch ein Gang entlang des Geschichtslehrpfads "Goldfisch" bei Obrigheim am Neckar. Nachdem wir in Neckarelz angekommen waren, begrüßte uns der ehrenamtliche Gedenkstättenmitarbeiter Georg Fischer, der bereits vor Ort auf uns wartete. Das Konzentrationslager befand sich im Gebäude der örtlichen Grundschule, war damals jedoch eingezäunt und von mehreren Wachtürmen umgeben. Heute befindet sich in diesem Gebäude wieder eine Grundschule.

Unser Rundgang begann auf dem Schulhof. Dort erklärte uns Herr Fischer, dass durch das gesamte "Neckarlagersystem" rund 5.000 Häftlinge geschleust wurden, von denen etwa 3.000 ständig vor Ort waren. Die Häftlinge aller Lager waren als Insassen des Konzentrationslagers Natzweiler registriert. Der Grund der Entstehung der Außenlager des KZ Natzweiler am Neckar war der Stollenausbau in Obrigheim für die Daimler-Benz AG. In den Konzentrationslagern waren die Häftlinge für die SS keine Menschen mehr, sondern nur noch Nummern. Dies wird auch daran deutlich, dass jeder Häftling seine Nummer - anstelle seines Namens - auswendig kennen musste.

Im KZ-Außenlager Neckarelz befanden sich durchschnittlich etwa 1.000 Häftlinge. In der Grundschule gab es jedoch nur fünf Zimmer, um die Gefangenen unterzubringen. Für die SS stellte sich die Frage, wie man die Unterbringung regeln sollte. Herr Fischer beantwortete diese Frage folgendermaßen: Man entschied sich, die Arbeitszeit der Häftlinge auf 12 Stunden festzulegen und Tag- und Nachtschichten einzuführen. Dadurch waren nur noch 500 Häftlinge gleichzeitig im Lager. Die SS musste nun also 500 Häftlinge auf fünf Zimmer verteilen. In jeden Raum wurden dafür 25 Doppelstockbetten hineingestellt. Ein Bett wurde mit je zwei Häftlingen belegt. So zwängte die SS dann schließlich zeitgleich immer 500 Häftlinge in die Zimmer. Wir erfuhren auch, dass es im Keller der Schule eine Schneiderei, eine Art Krankenhaus, eine Küche sowie eine Schreinerei gab. Diese Einrichtungen durften jedoch nur vom Wachpersonal benutzt werden. Für die Häftlinge bestand keinerlei Möglichkeit ihre Kleidung, welche sie von 1944 bis 1945 tragen mussten, zu waschen oder auszubessern.

Raum mit Namen von Häftlingen in der Ausstellung der KZ-Gedenkstätte
Vor dem Gang durch die Ausstellung zogen sich die Schülerinnen Holzschuhe an, wie sie auch von Häftlingen getragen wurden
Erhaltene Typhusbaracke neben der Schule
Baum mit Informationstafel auf dem Schulhof
Über diese Steintreppe mussten die Häftlinge täglich zu den unterirdischen Stollen laufen

Auf dem Grundstück neben der Schule steht noch immer eine kleine Baracke, die als "Typhusbaracke" und als Krankenstation für KZ-Häftlinge diente. Wer krank wurde, bekam "Schonung". Dies bedeutete, dass man vorübergehend nicht arbeiten musste. Die "Schonung" diente dazu, die Arbeitskraft der Häftlinge länger zu erhalten. Im Stollen zur Arbeit gezwungene Häftlinge mussten täglich mehrmals enorme Wegstrecken vom Lager zur Arbeitsstätte zurücklegen.

Herr Fischer wies auf einen Baum hin, der in der Mitte des Schulhofs steht. Der Baum wurde dort von Alexander Wladimirowitsch Rudenko aus der Ukraine gepflanzt, einem ehemaligen Häftling des Konzentrationslagers. Sein Leben konnten Mithäftlinge nach einer schweren Verletzung nur dadurch retten, dass sie ihm am 11. Februar 1945 bei vollem Bewusstsein ein Bein amputierten. Und dies nur mit den Mitteln, die es vor Ort gab: Kabel und diverse Messer.

Wie auch in anderen Konzentrationslagern, litten die Häftlinge in Neckarelz vor allem unter ständigem Hunger. Die Wachmannschaften bezeichneten Häftlinge, die kurz vor dem Hungertod standen "Muselmann". Mit diesem Wort waren eigentlich Araber gemeint, die beteten. Doch im Konzentrationslager verstand man darunter einen Menschen, der aufgrund von beispielsweise Hunger so gebrochen war, dass er jeglichen Lebenswillen verloren hatte. Meist liefen diese Menschen tief gebückt und starben tatsächlich auch bald darauf. Bemerkenswert ist, dass die Todesquote dennoch "nur" bei 10 Prozent lag.

Es gab auch Häftlinge, die sich gegen Arbeitserleichterungen oder für größere Essenrationen zu Mittätern der SS machten und unter anderem ihrer Mithäftlinge schlugen und bespitzelten. Während der Existenz des Konzentrationslagers in Neckarelz gelang es nur einem einzigen Häftling, dem Sinto Vinzenz Rose, aus dem Lager Neckarelz zu fliehen.

Von den etwa 5.000 KZ-Häftlingen in der Neckar-Odenwald-Region konnten 1945 ca. 3.000 durch die Alliierten befreit werden. Obwohl sich das Außenlager Neckarelz unmittelbar im Ortszentrum befand, kam es unter der Bevölkerung zu keinerlei Protesten gegen das Lager. Man akzeptierte offensichtlich stillschweigend die Anwesenheit.

Internetseite der KZ-Gedenkstätte Neckarelz

Die heutige Gedenkstätte ist ein Mahnmal für die Gräueltaten des Nazi-Regimes. Sie befindet sich, ähnlich wie in Mannheim-Sandhofen, im Keller der Schule, da auch heute noch die Bevölkerung nicht wirklich bereit scheint, sich aktiv mit den damaligen Vorkommnissen auseinander zu setzen. Was für uns 60 Jahre nach dem Ende des Krieges noch immer unbegreiflich erscheint, hat in den Köpfen der Anwohner leider wohl niemals zu einer wirklichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit geführt.