Besuch der Gedenkstätten in Schirmeck und Natzweiler

Am Vormittag des 9. Juni 2005 startete unsere Exkursion ins Elsass. Unser eigentliches Ziel war die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof. Zuvor machten wir jedoch einen Zwischenstopp in Schirmeck, um uns ein Bild von dem früheren "Sicherungslager" zu verschaffen. Doch dort, wo einst Menschen gefangen und gedemütigt wurden, lässt sich heute nur noch eine idyllische Wohnsiedlung erkennen. Am Anfang der Straße - und somit auch des ehemaligen Sicherungslagers - fiel uns eine kleine Gedenktafel ins Auge, die an einem etwas älteren Wohnhaus angebracht war. Dieses Wohnhaus ist eines der letzten drei noch existierenden Gebäude des damaligen Lagers. Mit unseren lauen Französischkenntnissen übersetzten wir die Inschrift:

Sur cet emplacement se trouvait le premier camp nazi en alsace annexée 1940 - 1944 / An diesem Ort befand sich das erste Nazi-Lager im besetzten Elsass 1940-1944

Über die genaue Lage und den Aufbau des Lagers lassen sich heute jedoch nur wage Vermutungen anstellen, da nicht nur die Mehrzahl der ehemaligen Gebäude nicht mehr existieren, sondern auch der Straßenverlauf stark verändert wurde. Immer wieder nahmen wir den Grundriss des einstigen Lagers hervor, um doch vielleicht Parallelen zwischen früher und heute zu erkennen. Weiter entlang der Straße entdeckten wir ein weiteres damaliges Lagergebäude, das als Magazin und Werkstätten benutzt worden war. Heute befinden sich darin Wohnungen. Auch das letzte der drei Gebäude wollten wir finden, und machten uns auf die Suche danach. Auf die Suche deshalb, da von dem so genannten "Chenils"- Hundezwinger - nur noch ein kleiner Rest erhalten sein sollte. Unseren Vermutungen nach müsste sich dieser heute in einem Gartenhaus befinden.

Nach dieser eher abenteuerlichen Suche steuerten wir unser nächstes Ziel an - den Bahnhof von Rothau. An dieser Bahnstation kamen die meisten Häftlinge des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof an, um weiter ins Lager gebracht zu werden. Im Innenraum des Bahnhofs entdeckten wir eine Gedenktafel, die seit geraumer Zeit an das schreckliche Schicksal der Häftlinge erinnern soll:

Ici de 1941 à 1944 sont passes des milliers de déportes de toute nationalités, à destination du camp de concentration nazi de Natzweiler-Struthof. Passents, souvenez-vous de martyrs pour la liberté. / In den Jahren von 1941 bis 1944 passierten Tausende von Deportierten aller Nationalitäten diesen Ort auf ihrem Weg in das Nazi-Konzentrationslager Natzweiler-Struthof. Gedenkt den Märtyrern für die Freiheit.

Vom Bahnhof in Rothau fuhren wir weiter - vorbei am Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers - zum ehemaligen Steinbruch. Die heute nur noch teilweise vorhandene Arbeitsstätte der Häftlinge gehörte zu den Anfängen des eigentlichen KZs. Die SS gründete damals eigene Betriebe z.B. zur Tonziegelherstellung und in Steinbrüchen. Durch den Verkauf der Produkte erzielten die SS hohe Profite, ohne auch nur eine einzige Mark für Lohnkosten der Häftlinge auszugeben. Beim Aufbau des Konzentrationslagers beschlagnahmte die SS zunächst den nahegelegenen Gasthof "Le Struthof" und ließ ringsherum Baracken bauen, in denen die Häftlinge untergebracht wurden. Die Häftlinge mussten jedoch nicht nur in den SS eigenen Betrieben, sondern auch in den Werkstätten der Firma Messerschmitt arbeiten, die auf dem Gelände des Steinbruchs errichtet wurden. Um die Rüstungsindustrie vor Zerstörungen durch den Krieg oder ähnlichem zu schützen, versuchte man noch kurz vor der Auflösung des Lagers diese Produktion in Tunnel ins Innere des Berges zu verlegen. Dieser Plan konnte aber angesichts der herannahenden Alliierten nicht mehr umgesetzt werden.

Ein Teil des ehem. Steinbruchs

Als wir den Steinbruch wieder verlassen wollten, entdeckten wir - versteckt unter Blumen und Gräsern - einige Fundamente, die wahrscheinlich zu den Werkstätten der Rüstungsindustrie zählten. Vom Steinbruch aus setzten wir unseren Weg zum eigentlichen Konzentrationslager fort und passierten eine weitere Arbeitsstätte - die Kiesgrube -, die unter anderem auch als Erschießungsort diente.

Kurz darauf erreichten wir den Ort des ehemaligen Konzentrationslagers. Charakteristisch für ein KZ war die Einteilung in drei Bereiche: SS- Bereich, Häftlingsbereich ("Schutzhaftlager") und der Arbeitsbereich mit Steinbruch, Werkstätten, Kiesgrube usw. Die heutige Gedenkstätte wurde in den 1950er Jahren eingerichtet und umfasst nur den Teil des früheren Häftlingslagers. Dieser riesige Komplex mit all seinen Terrassen war überall umgeben mit Stacheldraht und Wachtürmen, sodass eine Flucht als schier unmöglich galt.

Blick auf das ehem. Häftlingslager
Die Projektgruppe am Ende der Exkursion in der KZ-Gedenkstätte Natzweiler

Wir traten durch das Lagertor, um uns das ehemalige KZ genauer anzuschauen. Was für uns so leicht war, war für die Häftlinge eine gewaltige Veränderung, denn mit dem Gang durch dieses Tor wurde ihnen ihre Würde und das Recht auf das Menschsein genommen. Von der einen auf die andere Sekunde galten sie nicht mehr als Menschen, sondern waren nur noch Nummern. Eine Vielzahl von Häftlingen mit belgischer, niederländischer, französischer oder norwegischer Herkunft wurden in "Nacht- und- Nebel"- Aktionen verschleppt. Diese Aktionen dienten zur Abschreckung der Verwandten und der gesamten Gesellschaft. Wer in Natzweiler - Struthof als "Nacht und Nebel Häftling" gefangen war, durfte keine Briefe oder Karten versenden.

Den anderen Häftlingen wurde es gestattet, einmal im Monat einen Brief zu verschicken, der aber von der SS zensiert wurde. Selten konnten sie auch Pakete empfangen, die aber nie den gesamten ursprünglichen Inhalt enthielten, da es auch hier eine Zensur gab. Diese beschränkte sich jedoch nicht nur auf "gefährliche Gegenstände", sondern artete oft in einer Plünderung durch die SS aus. Wer sich in irgendeiner Weise der SS widersetzte, wurde mit einer Post- oder Paketsperre bestraft. So wurde den Häftlingen neben ihren Rechten auch noch der Kontakt zur Außenwelt verwehrt.

Für die harte Knochenarbeit bekamen die Häftlinge mittags lediglich eine kleine Schüssel Kohlsuppe und abends etwas Brot. Allerdings galt diese geringe Ration für den jeweiligen Abend und den nächsten Morgen. Aus Angst vor Diebstahl verspeisten die Gefangenen meist abends die gesamte Brotration. Nicht nur bei der Essensration wurden die Häftlinge schikaniert, sie wurden auch von den Bewachern missbraucht. Beispielsweise schmissen sie einem Häftling die Mütze vom Kopf, sodass diese in den Bereich der so genannten Todeszone fiel. Der betroffene Häftling hatte nun zwei Möglichkeiten. Es war egal, ob er auf den Befehl des SS-Bewachers die Mütze aufhob oder es ließ,  denn beides hatte die gleiche Konsequenz zur Folge - er wurde erschossen. Entweder wegen "Befehlsverweigerung" oder beim Überschreiten der Todeszone "auf der Flucht". Die SS-Männer wurden anschließend noch dafür belohnt, weil sie den Gefangenen "offensichtlich" an der Flucht gehindert hatten.

Zellengang im Lagerarrest
Raum im Krematorium, in dem die Opfer der Versuche untergebracht waren
Gebäude der Gaskammer

Wir liefen weiter den Weg um das Lagergelände entlang, bis wir zu zwei Baracken kamen. Die erste beinhaltete 20 Zellen und 18 Kerker und war der Lagerarrest. Die zweite war das Krematorium. Zusätzlich gab es dort einen Aufbewahrungsraum für Urnen. Viele Angehörige zahlten ca. 100 RM, um die Urne ihres Verwandten zu erhalten - ohne überhaupt eine Gewissheit zu haben, dass sich auch die richtige Asche darin befand. Im hinteren Teil der Baracke befanden sich verschiedene Räume für die unterschiedlichsten medizinischen Versuche an Menschen. Vor allem Sinti und Roma wurden als Versuchsobjekte bei Experimenten mit Giftgas missbraucht.

Hinter den beiden Baracken lag die Aschengrube, die damals eine Kläranlage war. Die SS kippt dort die Asche der im Krematorium verbrannten Leichen hinein. Wir schauten uns die vielen Gedenktafeln an (eine erinnert auch an die ermordeten Sinti und Roma), bevor wir uns zu unserem letzten Zielort - der Gaskammer - begaben. Unterwegs nutzen wir die Gelegenheit, um einen kurzen Blick auf die Villa des Lagerkommandanten zu werfen, die mit einem Schwimmbad und einer Garage sehr gut ausgestattet war.

Zum Abschluss unseres Besuchs fuhren wir zur ehemaligen Gaskammer, die etwas entfernt vom Gelände der KZ-Gedenkstätte liegt. Die Hauptgründe für die Errichtung der Gaskammer waren zum einen die medizinischen Versuche und zum anderen der Wunsch eines Professors aus Straßburg, eine Skelettsammlung anzulegen. Dafür wurden 87 jüdische Häftlinge aus Auschwitz nach Natzweiler transportiert und vergast. Ihre Leichen wurden nach Straßburg gebracht, doch die Skelettsammlung wurde nie fertiggestellt. In der Gaskammer wurden auch viele Sinti und Roma Opfer von Giftgasexperimenten. Etliche starben an den Folgen dieser Versuche.

Nach dieser letzten Station traten wir unsere Heimreise an

Sina Burkhardt