Auszubildende der Stadt Heidelberg gestalten den Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2003

Im Sommer 2002 verabredeten die Stadt Heidelberg und das Dokumentations- und Kulturzentrum die gemeinsame Durchführung der offiziellen städtischen Gedenkstunde zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus im Jahr 2003. Bei einem Besuch von Auszubildenden der Stadt entstand die Idee, die Inhalte der Feierstunde mit einer Gruppe von Auszubildenden vorzubereiten und zu gestalten.

Ab Oktober 2002 arbeiteten insgesamt neun Auszubildende an drei inhaltlichen Projektschwerpunkten. Von der Ausbildungsleitung und von ihren Ämtern wurden sie in großzügiger Weise für die teilweise sehr arbeitsintensiven und zeitaufwendigen Recherchen freigestellt.

Detailansicht der Chronologie
Der Sinto Herbert Birkenfelder berichtete den Auszubildenen über seine Kindheit in der Heidelberger Altstadt

Die Projektgruppen

Thema "Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma"
Ziel: Erstellung eines chronologischen Überblicks über die Geschichte des Holocaust an den Sinti und Roma
Projektteilnehmerinnen: Marion Klemp, Carolin Mayer und Nina Schumann

Thema "Die Sinti-Kinder von der St. Josephspflege"
Ziel: Auseinandersetzung mit dem Verfolgungsschicksal von Sinti-Kindern, Vorbereitung und Inszenierung einer Lesung mit Zitaten aus den Berichten und Aussagen der Überlebenden
ProjektteilnehmerInnen: Dincer Bilecen, Stehpanie Binder, Tatjana Rau
und Karen Rohnstock

Thema "Sinti in Heidelberg"
Ziel: Sammlung von Informationen über die ehemaligen Sinti-Familien in Heidelberg, Spurensuche nach ihren früheren Wohnorten, Zeitzeugengespräche mit Herbert Birkenfelder und Ilona Lagrene, Erstellung einer Wandzeitung, eines Redebeitrags und Vorbereitung einer Blumenniederlegung im Rahmen der Gedenkstunde
Projektteilnehmerinnen: Laila Eckert u.a.

Diego Köhler schuf den musikalischen Rahmen der Gedenkstunde
Auszubildende bei der Zitatenlesung
Beate Weber, OB der Stadt Heidelberg

Die Gedenkfeier

Am 27. Januar 2003 fand im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma die Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus und die Präsentation der Projektarbeiten statt. Sie wurde musikalisch eingerahmt vom Sinti-Cellisten Diego Köhler.

Die Lesung von Zitaten der Sinti-Kinder stimmte die etwa 90 geladenen Gäste tief nachdenklich. In eindringlicher Weise verliehen die vier beteiligten Auszubildenden den Opfern des Holocaust ihre Stimme und ließen anhand der sorgfältig ausgewählten und beeindruckend vorgetragenen Zitate die menschliche Dimension des Völkermords deutlich werden.

Anita Awosusi, Vorstandsmitglied des Dokumentations- und Kulturzentrums, begrüßte die Gäste, hob das Engagment der an der Feier beteiligten Auszubildenden hervor und erinnerte an das gemeinsame Schicksal der Verfolgten des Nationalsozialismus:

"Wir gedenken heute all jener Menschen - Männer, Frauen und Kinder - die Opfer des nationalsozialistischen Terrors wurden: weil sie als Juden oder Sinti und Roma geboren wurden, weil sie behindert oder krank waren, weil sie eine andere politische oder religiöse Überzeugung vertraten, weil sie sich zu ihrer Homosexualität bekannten oder weil sie sich in Deutschland und in den besetzten Staaten Europas gegen den nationalsozialistischen Terror zur Wehr setzten".

Die Heidelberger Oberbürgermeisterin Beate Weber stellte in ihrer Ansprache den Bezug zur aktuellen politischen Situation her, die in vielen Teilen der Welt von Misstrauen, Fanatismus und Gewalt geprägt ist.

Sie betonte, dass die Gedenkstunde "nicht nur die Aufgabe hat, an vergangenes Unrecht zu erinnern, sondern sie möchte aufrufen zu Versöhnung und Wachsamkeit überall auf der Welt: Versöhnung zwischen Völkern, ethnischen Gruppen und Religionen, die heute in vielen Ländern auf allen Kontinenten im Streit liegen, und Wachsamkeit gegenüber allen Ideologien und Konzepten, die Hass und Vernichtung propagieren und organisieren".

Eine Auszubildende der Stadt Heidelberg schilderte in einem abschließenden Redebeitrag die Geschichte und Verfolgung der Heidelberger Sinti.

Mit den Worten "Hundert Blumen sollen symbolisch an die etwa 100 Menschen erinnern, die einmal Bürger unserer Stadt waren, hier gelebt, gelacht, geweint haben. Mit uns und unter uns, bis sie vertrieben und schließlich ermordet wurden" lud sie die Gäste zur gemeinsamen Blumenniederlegung am Gedenkstein für die Heidelberger Sinti in der Steingasse ein. Dort schloss die Gedenkstunde ab.

Auszubildende verteilten Blumen an die Gäste der Gedenkstunde
Die beiden Initiatorinnen der Blumenniederlegung vor der Gedenktafel in der Steingasse
Berichterstattung in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 29.1.2003