Englischsprachige Ausstellung

Die Ausstellung wurde im Europäischen Parlament in Straßburg das erste Mal gezeigt

In den meisten Ländern Europas ist der nationalsozialistische Völkermord an den Roma und Sinti, dem während des Zweiten Weltkriegs ca. 500.000 Angehörige der Minderheit zum Opfer fielen, noch immer fast vollständig aus dem öffentlichen Bewusstsein ausgeblendet. Diese mangelnde Aufklärungsarbeit hat zur Folge, dass von der NS-Propaganda geprägte rassistische Klischees und Stereotype gegenüber Roma und Sinti bis heute lebendig sind. Die überkommenen Vorurteile sind eine der Hauptursachen dafür, dass die ca. 10 Millionen Roma und Sinti in Europa auch heute immer wieder zum Opfer rassistisch motivierter Gewaltverbrechen werden und von Diskriminierungen und Benachteiligungen in allen gesellschaftlichen Bereichen betroffen sind.

Vor diesem Hintergrund will die Ausstellung "The Holocaust against the Roma and Sinti and present day racism in Europe" über ein besseres Verständnis der Vergangenheit aktuelle Konfliktlagen überwinden helfen. Im Mittelpunkt steht eine Annäherung an den Holocaust an den Roma und Sinti und dessen europäische Dimension: ein Menschheitsverbrechen, das sich bis heute allen historischen Vergleichen entzieht und in seinem Ausmaß unvorstellbar bleibt. Dabei waren Roma und Sinti ebenso wie Juden auf der Grundlage der nationalsozialistischen Rassenideologie vom Säugling bis zum Greis erfasst, entrechtet, gettoisiert und schließlich in die Vernichtungslager deportiert worden. Die Nationalsozialisten sprachen diesen Menschen kollektiv und endgültig das Existenzrecht ab, nur weil sie als Sinti, Roma oder Juden geboren worden waren.

Die Ausstellung gliedert sich inhaltlich in vier Bereiche: Der erste Teil dokumentiert die nach der nationalsozialistischen Machtübernahme einsetzende Entrechtung der deutschen Roma und Sinti bis zur Entfesselung des Zweiten Weltkriegs und den ersten Deportationen in das okkupierte Polen. Der zweite Teil der Ausstellung behandelt den Völkermord an den Roma und Sinti im nationalsozialistisch besetzten Europa. Ungeachtet der grundlegenden Gemeinsamkeiten der NS-Vernichtungspolitik sollen auch die Besonderheiten der Verfolgung in den einzelnen besetzten und verbündeten Staaten verdeutlicht werden. Der dritte große Themenbereich dokumentiert die systematische Ermordung von Sinti und Roma aus nahezu allen europäischen Staaten im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

Der vierte Teil der Ausstellung schließlich behandelt schlaglichtartig die Entwicklung seit 1945 in Europa: die Verdrängung des NS-Völkermords an den Roma und Sinti aus dem öffentlichen Bewusstsein und die Entstehung der Bürgerrechtsbewegung in der Bundesrepublik. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf den aktuellen Formen der Diskriminierung der nationalen Roma- und Sinti-Minderheiten in Mittel- und Osteuropa. Anhand ausgewählter Beispiele zeigt die Ausstellung auf, dass Roma und Sinti zunehmend einem offenen und gewaltbereiten Rassismus und fortgesetzter gesellschaftlicher Benachteiligung ausgesetzt sind.

Die Ausstellung im UN-Hauptquartier in New York

Die Ausstellung ist so konzipiert, dass dem Terror der Nationalsozialisten und ihrem Verfolgungsapparat die Normalität und der Alltag der Roma und Sinti gegenübergestellt wird. Um die Opfer als Individuen mit je eigener unverwechselbarer Geschichte sichtbar werden zu lassen, werden in der Ausstellung persönliche Zeugnisse, insbesondere Familienbilder, in den Mittelpunkt gestellt. Die Ausstellung gibt den Opfern damit ein Gesicht, um so zugleich die Jahrhunderte lang tradierten "Zigeunerbilder", die auch die Nationalsozialisten für ihre verbrecherischen Ziele benutzten, aufzubrechen.

Das Gedenken an die während des Zweiten Weltkriegs ermordeten Sinti und Roma beinhaltet auch das Gebot an die einzelnen europäischen Nationalstaaten, sich stärker mit der eigenen Rolle während der deutschen Besatzung auseinander zu setzen. In vielen Fällen waren die staatlichen Organe der besetzten oder mit Hitler-Deutschland verbündeten Länder an den Völkermordverbrechen an den Juden wie an Roma und Sinti beteiligt. Die transportable Ausstellung, die nach ihrer Eröffnung in Straßburg in verschiedenen Staaten Ost- und Südosteuropas gezeigt werden wird, will Anstöße für eine historische Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der eigenen Geschichte in den Gesellschaften in Ost- und Südosteuropa geben.

Die Ausstellung entstand unter der Federführung des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma in Zusammenarbeit mit zahlreichen nationalen Roma-Organisationen. Die Realisierung des Ausstellungsprojektes mit einem finanziellen Gesamtrahmen von fast 150.000 Euro wurde aufgrund der Förderung durch das Auswärtige Amt, die Kommission der Europäischen Union, die Hermann-Niermann Stiftung, die Kulturstiftung des Bundes sowie die DaimlerChrysler AG und die Heinrich Böll Stiftung ermöglicht. Im einzelnen besteht die transportable Ausstellung mit einem Umfang von ca. 70 laufenden Metern aus 84 Einzeltafeln von 2 Meter Höhe und 0,6 bis 1 Meter Breite.