Flucht

Vinzenz Rose

Vinzenz Rose ist einer der wenigen Sinti, denen die Flucht aus einem Konzentrationslager glückte. Er wurde am 2. Juni in Schönau (Oberschlesien) geboren. Später zogen seine Eltern, Anton und Lisetta Rose, nach Darmstadt und führten dort ein Lichtspielhaus. Vinzenz war ein guter Schüler. Besonders sein musikalisches Talent fiel auf. Seine Eltern, die sehr angesehen waren, wurden jedoch bereits 1937 aus dem Erwerbsleben gedrängt: ihr Lichtspielhaus wurde aus "rassischen Gründen" geschlossen, die Eröffnung eines Textilhandels wurde ihnen verboten.

Drei Jahre später begann die systematische Verfolgung der Familie. Einen ersten Deportationsversuch konnte Anton Rose noch verhindern. Doch schon nach wenigen Tagen standen erneut Gestapo-Beamte vor der Tür und die Familie entschloss sich zur Flucht. Ihr Weg führte sie bis in die Tschechoslowakei. Dort trennten sich Vinzenz Rose und sein Bruder Oskar von den Eltern. Zwischen 1941 und 1942 waren die beiden Männer ständig auf der Flucht. 1942 gelang es ihnen, in Saarbrücken gefälschte Ausweispapiere zu beschaffen und zu ihrer Familie zurück zu kehren, die sich zwischenzeitlich in Schwerin aufhielt. Nach einer Denunziation mussten die Eltern und sein Bruder Oskar die Stadt jedoch fluchtartig verlassen. Vinzenz Rose wurde im Hotel verhaftet und in das Zuchthaus Großstrelitz in Mecklenburg gebracht. Von dort brachte man ihn in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.

Auch die meisten seiner Familienangehörigen wurden Ende 1943 verhaftet und ebenfalls nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Auch die Eltern. Anton Rose wurde in Auschwitz ermordet. Lisetta Rose kam auf einen Transport in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, wo sie wenig später an Entkräftung starb. Auch das zweijährige Kind Vinzenz Roses fiel in Auschwitz dem Völkermord zum Opfer.

Oskar Rose

Vinzenz Rose wurde einige Wochen nach seiner Ankunft in Birkenau in das Stammlager Auschwitz gebracht. Geschwächt durch die unmenschlichen Lebensbedingungen drohte ihm beinahe die Ermordung in der Gaskammer. Doch wie durch ein Wunder überlebte er und wurde als Zwangsarbeiter in das KZ Natzweiler gebracht. In Natzweiler-Struthof angekommen, missbrauchte Eugen Haagen ihn für Fleckfieberversuche. Am 18. April 1944 schickte die SS Vinzenz Rose mit einer Gruppe von 50 Häftlingen (darunter 29 Sinti und Roma) von Natzweiler in das Außenlager Neckarelz. Dort musste er Lastkähne am Neckar ent- und LKWs beladen.

Sein Bruder Oskar Rose, der sich der Verhaftung hatte entziehen können, war mittlerweile in Heidelberg untergetaucht. Aus der Illegalität heraus unternahm er alle Anstrengungen, um seinen deportierten Familienangehörigen zu helfen. Er besorgte sich falsche Papiere und erhielt damit zusätzliche Lebensmittelmarken, um seine inhaftierten Verwandten zu versorgen. Als er erfuhr, dass sein Bruder Vinzenz nach Neckarelz deportiert worden war, sprach er bei dem Lagerkommandanten vor. Er gab sich als italienischer Kriegsversehrter aus und behauptete, er habe einem verwundeten Kameraden versprochen, persönliche Grüße an Vinzenz Rose auszurichten. Tatsächlich gelang es ihm, kurz mit seinem Bruder zu sprechen.

Sie verabredeten einen Fluchtplan, für den sie einen zwangsverpflichteten Polen gewinnen konnten, der als Lastwagenfahrer Kriegsmaterial in den Stollen transportierte. Während einer Arbeitsschicht im Inneren des Stollens gelang es Vinzenz Rose, sich in einem unbemerkten Moment unter dem Fahrersitz des Lkws zu verstecken und so dem streng bewachten Lager zu entkommen. Währenddessen hatte Oskar Rose in Heidelberg alles zur weiteren Flucht vorbereitet. Getarnt als italienische Kriegsversehrte, konnten sie bis Kriegsende im Verborgenen überleben.

Als die neu gegründete Bundesrepublik Deutschland den Völkermord an den Sinti und Roma nicht anerkannte, wollten die Brüder Rose dies nicht hinnehmen. Gemeinsam gründeten sie 1956 den "Verband rassisch Verfolgter nichtjüdischen Glaubens". Daraus ging später der "Verband der Sinti Deutschlands" hervor - die erste Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma in Deutschland. Nach dem Tode von Oskar Rose setzte Vinzenz Rose die Arbeit weiter fort. 1974 ließ er mit eigenen Mitteln ein Denkmal zur Erinnerung an die ermordeten Sinti und Roma auf dem Lagergelände in Auschwitz-Birkenau errichten.

Erst 1982 erkannte der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt den Völkermord an den Sinti und Roma aus rassistischen Gründen an. Für sein Engagement wurde Vinzenz Rose am 4. Dezember 1978 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte erhielt damit ein Angehöriger der Sinti und Roma eine so hohe Auszeichnung. Vinzenz Rose verstarb im Jahr 1996. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma sowie das 1997 in der Heidelberger Altstadt eröffnete Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma bewahren heute das politische Erbe der Brüder Oskar und Vinzenz Rose und führen ihr Engagement gegen Diskriminierung und für die Menschenrechte fort.