Widerstand

Von Anfang an setzten sich Sinti und Roma gegen ihre Entrechtung und ihre "rassische" Erfassung zur Wehr. Sie protestierten gegen diskriminierende Bestimmungen und versuchten, durch Eingaben oder persönliche Intervention die Freilassung deportierter Familienangehöriger zu erreichen.

"Viele unserer Männer waren im Weltkrieg und kämpften für das Vaterland so gut wie andere. Doch das hat Dr. Portschy nicht beachtet. Dr. Portschy hat gegen uns sämtliche bürgerliche Rechte eingestellt ... wir sind römisch-katholischer Abstammung von jeher gewesen und so habe ich mich gezwungen gesehen, für uns alle bei der hohen Reichsregierung Beschwerde zu erstatten." (Protestbrief von Franz Horvath aus Redlschlag an die Reichsregierung vom 12.5.1938)

Anmerkung: Tobias Portschy, erster Gauleiter des Burgenlands, war nach dem "Anschluß" Österreichs einer der treibenden Kräfte der gegen Sinti und Roma gerichteten "Rassenpolitik". Wenige Wochen nach Abfassen des Briefs wurde der 63jährige Franz Horvath als "Beschwerdeführer" verhaftet und in das KZ Dachau deportiert. Den anderen Unterzeichnern des Briefs gelang rechtzeitig die Flucht.

Paul Kreber

Mit Hilfe von Nachbarn und Freunden gelang es einigen Sinti und Roma unterzutauchen, um sich der drohenden Deportation zu entziehen. Manchmal wurden sie von Beamten gewarnt, die die Ausführung der Deportationsbefehle bewußt verzögerten oder umgingen. Paul Kreber etwa arbeitete bei der Polizei in Wuppertal. Er weigerte sich Deportationsbefehle auszuführen und half den Verfolgten zu fliehen. 1988 wurde ihm auf Vorschlag des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma das Bundesverdienstkreuz verliehen. Andere konnten aus den streng bewachten Gettos und KZs im besetzten Polen fliehen und lebten jahrelang im Verborgenen. Auch in anderen Konzentrationslagern und selbst im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau glückte einigen wenigen die Flucht.

Innerhalb der Konzentrationslager leisteten Sinti und Roma ebenfalls vielfältigen Widerstand. Ein Höhepunkt war der Aufstand im Lagerabschnitt B II e von Auschwitz-Birkenau, dem "Zigeunerlager". Als die SS dort am 16. Mai 1944 die noch lebenden Sinti- und Roma-Häftlinge in den Gaskammern ermorden wollte, bewaffneten sich diese mit Steinen und Werkzeugen. Sie verbarrikadierten sich in den Baracken und konnten so die drohende Vernichtung vorerst abwenden. Nach der Selektion aller arbeitsfähigen Häftlinge löste die SS das "Zigeunerlager" in der Nacht vom 2. auf den 3. August jedoch endgültig auf. Obwohl die zurückgebliebenen 2.900 Menschen diesmal keine Chance hatten, widersetzten sie sich bis zuletzt ihren Peinigern.

"Ein SS-Wachmann erzählte mir, wieviel schwieriger diese Sonderaktion gewesen sei als alles andere, was jemals in Auschwitz durchgeführt worden sei ... Die Zigeuner, die wußten, was sie erwartete, hätten geheult: Es seien Schlägereien ausgebrochen, Schüsse losgegangen und es habe Verwundete gegeben. SS-Verstärkung sei angerückt, als die Lastwagen erst halb voll waren. Die Zigeuner hätten selbst Brotlaibe als Wurfgeschosse benutzt. Aber die SS sei zu stark gewesen, zu geübt, zu zahlreich." (Dazlo Tilany über die "Liquidierung" des "Zigeunerlagers")

In den besetzten Gebieten arbeiteten Sinti und Roma eng mit Widerstandsgruppen zusammen. Vor allem in Ost- und Südosteuropa spielten sie eine wichtige Rolle in den nationalen Befreiungsbewegungen und auch in Frankreich kooperierten sie eng mit der Résistance. Viele Sinti und Roma verloren im bewaffneten Kampf gegen den Nationalsozialismus ihr Leben. Zahlreiche Angehörige der Minderheit erhielten nach Kriegsende höchste Auszeichnungen. Der Widerstand wurde auf unterschiedlichen Wegen unterstützt. Gleichzeitig gab es allerdings auch viele Fälle von Denunziation.