Versuche in Dachau

Wilhelm Beiglböck

Im Sommer 1944 führte der SS-Arzt Dr. Wilhelm Beiglböck im KZ Dachau an Sinti und Roma Versuche zur Trinkbarmachung von Meerwasser durch. Zu diesem Zweck ließ er eine eigene Forschungsstation einrichten. Auftraggeber war die Luftwaffe: Man suchte eine Methode, um über dem Meer abgeschossene Piloten mit Trinkwasser zu versorgen. Die Häftlinge wurden gezwungen, tagelang nur Salzwasser oder chemisch präpariertes Wasser zu trinken. Nach Zeugenaussagen brachte man schwerkranke und sterbende Menschen aus der Versuchsstation ins Krankenrevier, um die Todesfälle bei den Experimenten zu verschleiern.

"Nach dieser Untersuchung wurden wir alle in ein Zimmer gebracht, und ein Doktor der Luftwaffe, dessen Namen mir entfallen ist, aber dessen Aussehen ich noch deutlich vor Augen habe, hielt eine Ansprache. Aus dieser Rede habe ich folgenden Wortlaut in Erinnerung: 'Ihr seid jetzt ausgesucht für Seewasser-Versuche, erst werdet ihr gutes Essen bekommen, wie ihr es noch nie gesehen habt, dann werdet ihr hungern und Seewasser trinken.' Ferner sagte er: 'Wisst ihr überhaupt, was Durst ist? Ihr werdet wahnsinnig werden, ihr werdet denken, dass ihr in der Wüste seid und werdet versuchen, den Sand von der Erde abzulecken.' Zu keinem Zeitpunkt hat dieser Doktor der Luftwaffe auch nur eine Andeutung davon gemacht, dass er denkt, dass es sich bei uns um eine Gruppe von Freiwilligen handelt, und er hat auch niemals irgendjemanden gefragt, ob er sich freiwillig für derartige Versuche gemeldet hat. [...]

In der folgenden Woche begannen die eigentlichen Experimente. Wir erhielten überhaupt keine Nahrung mehr und nur Seewasser oder chemisch präpariertes Seewasser zu trinken. Nach meiner Erinnerung war unsere Gruppe von 40 Zigeunern in drei ungefähr gleichstarke Untergruppen aufgeteilt. Gruppe 1 erhielt nur richtiges Seewasser. Gruppe 2 erhielt nur chemisch präpariertes Seewasser, welches eine dunkel-gelbe Farbe hatte und bestimmt noch viel schlimmer war als reines Seewasser. Gruppe 3 erhielt nur präpariertes Seewasser, welches ungefähr aussah wie richtiges Trinkwasser. Ich gehörte zu Gruppe 2. [...] Während dieser Experimente hatte ich furchtbare Durstanfälle, fühlte mich sehr krank, verlor stark an Gewicht und zum Schluss bekam ich Fieber und fühlte mich so schwach, dass ich mich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. [...]

Ich erinnere mich noch genau an eine Szene, wo ein tschechoslowakischer Zigeuner den Doktor der Luftwaffe gebeten hat, dass er unmöglich noch mehr Wasser trinken könnte. Dieser tschechoslowakische Zigeuner wurde daraufhin auf Anordnung von dem Doktor der Luftwaffe an ein Bett festgebunden, der Doktor der Luftwaffe goss diesem Zigeuner persönlich mittels einer Magenpumpe gewalttätig das Seewasser herunter. Während der Experimente erhielten die meisten Zigeuner Leber- und Rückenmarkpunktionen. Ich selbst habe eine Leberpunktion erhalten und weiß aus meiner eigenen Erfahrung, dass diese Punktionen furchtbar schmerzhaft waren. Noch heute, wenn das Wetter wechselt, fühle ich starke Schmerzen, wo die Leberpunktion durchgeführt wurde. Alle Leber- sowie Rückenmarkpunktionen wurden von dem Doktor der Luftwaffe persönlich durchgeführt ... [...] Von den ursprünglich 40 Mann hat einer, wie bereits erwähnt, die Versuche nur wenige Tage mitgemacht. Drei waren so dem Tode nah, dass man sie am selben Abend auf Tragbahren, mit weißen Tüchern abgedeckt, herausgetragen hat. Von diesen drei habe ich niemals wieder etwas gehört." (Aussage von Karl Höllenreiner (auf dem Familienfoto rechts) vor dem Nürnberger Gerichtshof am 17. Juni 1947)