Kinder im KZ

Sidonie Adlersburg

Von Beginn an waren Kinder und Jugendliche der Sinti und Roma von den Verfolgungsmaßnahmen der Nationalsozialisten betroffen. Sie wurden "rassisch" erfaßt und vom Schulunterricht ausgeschlossen; wie die jüdischen Kinder durften sie keine Lehre beginnen. Seit 1938 wurden jugendliche Sinti und Roma in Konzentrationslager verschleppt. In Moringen und Uckermark richtete die SS außerdem spezielle Jugend-Konzentrationslager ein, von wo Sinti und Roma nach Auschwitz deportiert wurden.

Kinder und Jugendliche bildeten einen großen Teil der geschätzten 500.000 Sinti und Roma, die im nationalsozialistisch besetzten Europa dem Völkermord zum Opfer fielen. Sie wurden als Zwangsarbeiter ausgebeutet und in die Todeslager verschleppt. Sie wurden Opfer von Massenerschießungen, in die Gaskammern getrieben, und zu medizinischen Experimenten mißbraucht.

Die mörderische Logik der nationalsozialistischen Rassenideologie ließ keine Ausnahmen zu; die Vernichtung der Minderheit sollte total sein. Selbst diejenigen Sinti- und Roma-Kinder, die man nach der Verschleppung ihrer Eltern zunächst in Kinderheime einwies oder die in "arischen" Pflegefamilien aufwuchsen, blieben nicht von der Deportation in die Todeslager verschont.

Die Kinder der St. Josefspflege auf einem Ausflug

Im katholischen Kinderheim St. Josefspflege in Mulfingen wurden schulpflichtige Sinti-Kinder aus Württemberg zusammengefasst, deren Eltern man bereits deportiert hatte.

Die etwa 40 Sinti-Kinder blieben zunächst von der Vernichtung ausgenommen: Die "Rasseforscherin" Eva Justin mißbrauchte sie als Untersuchungsobjekte für ihre Doktorarbeit. Nach Abschluß ihrer pseudowissenschaftlichen "Experimente" deportierte die SS die Mulfinger Sinti-Kinder noch im Mai 1944 nach Auschwitz, wo bis auf vier Überlebende alle in den Gaskammern umkamen. Die Heimleitung unternahm nichts, um die Deportation der Kinder zu verhindern.

"Der Leiter der Josefspflege Mulfingen, Pfarrer Volz, teilt dem Caritasverband mit, daß in nächster Zeit 30 Zigeunerkinder wegkommen sollen. Dadurch wird die Anstalt ziemlich unterbelegt. Er bittet den Caritasverband darauf hinzuwirken, daß durch die entsprechenden Behördenstellen eine Vollbelegung wieder raschestens erfolgt." (Schreiben an das Bischöfliche Ordinariat Rottenburg-Neckar
vom 8.5.1944)

Bis zum Kriegsende wurden Sinti- und Roma-Kinder systematisch umgebracht. Als im März 1945 im Konzentrationslager Mauthausen ein Transport mit mehreren hundert Sinti- und Roma-Frauen aus Ravensbrück eintraf, ermordete die SS deren Säuglinge und Kleinkinder sofort nach der Ankunft.

"Meine Mutter war von Mitte 1944 bis zum sogenannten 'Todesmarsch' im Konzentrationslager Ravensbrück inhaftiert. Einmal befand sie sich zufällig auf der Lagerstraße, als ein 'Zigeunertransport' eintraf. Sie kam von der Arbeit - sie mußte damals in der Kleiderkammer Zwangsarbeit leisten - und hatte unter ihrem Häftlingskleid ein Kleidungsstück für eine kranke Kameradin herausgeschmuggelt. Meine Mutter war deshalb sehr vorsichtig, um bei der SS nicht aufzufallen.

Als die SS-Männer den Transport mit Sinti und Roma vorbeitrieben, stellte sie sich daher von der Lagerstraße weg an die nächste Baracke. Von dort aus konnte sie erkennen, daß in dem ankommenden Transport der Sinti und Roma sehr viele Kinder waren. Diejenigen Kinder, die nicht mit den Erwachsenen Schritt halten konnten, wurden immer wieder von der SS mit Gewehrkolben vorangetrieben.

Plötzlich sah meine Mutter, wie sich ein kleiner Sinti-Junge von etwa fünf Jahren bückte, um etwas aufzuheben, was ihm heruntergefallen war. In diesem Augenblick schlug ein SS-Mann dem Jungen mit dem Gewehrkolben auf den Kopf und zertrümmerte ihm den Schädel. Mit einem Fußtritt schleuderte der SS-Mann den Gegenstand, nach dem sich das Kind gebückt hatte, an den Rand der Lagerstraße. Meine Mutter konnte jetzt erkennen, daß es ein kleiner Teddybär war. Als der Transport vorüber war, hat sie einen passenden Moment abgewartet und den Teddybären zu sich genommen, um ihn zu verstecken. Viele Monate lang hat sie ihn heimlich aufbewahrt, nachts an ihrem Körper getragen und schließlich mit auf den Todesmarsch genommen. Die Geschichte mit dem Jungen und seinem Teddybären hat sie niemals losgelassen, bis zu ihrem Tod hat sie immer wieder davon gesprochen." (Inge Schwark)