Vernichtung

Das Sinti-Mädchen Settela Steinbach beim Abtransport aus dem Durchgangslager Westerbork (Niederlande) nach Auschwitz am 19. Mai 1944. In der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 wurde sie zusammen mit ihrer Mutter und neun Geschwistern in der Gaskammer ermordet (NAA Rijswijk)

Als Teil der "Endlösung" ordnete Heinrich Himmler am 16. Dezember 1942 an, alle noch im Reichsgebiet verbliebenen Sinti und Roma nach Auschwitz zu deportieren. Sein Ziel war die fabrikmäßige Ermordung der gesamten Minderheit. Wenig später ergingen entsprechende Befehle für die besetzten Gebiete.

Ab Februar 1943 wurden nahezu 23.000 Sinti und Roma aus elf europäischen Ländern in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Der größte Teil stammte aus dem Reichsgebiet: über 13.000 Frauen, Männer und Kinder. Viele Sinti und Roma befanden sich jedoch bereits in Konzentrationslagern oder waren in den besetzten Gebieten Opfer von Massenerschießungen geworden.

Die Sinti- und Roma-Familien, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Konzentrationslagern inhaftiert waren, wurden in aller Frühe in ihren Wohnungen verhaftet oder direkt von ihren Arbeitsplätzen abgeholt. Sie durften fast keine persönlichen Gegenstände mitnehmen. Persönliche Papiere wurden ihnen abgenommen, Grundbesitz und Vermögen zu Gunsten des Reichs eingezogen. Eingepfercht in Güterwaggons kamen viele von ihnen bereits während der mehrtägigen Fahrt nach Auschwitz ums Leben.

Die Zusammenarbeit zwischen Reichsbahn, SS und staatlichen Stellen funktionierte reibungslos. Doch trotz der angeordneten Geheimhaltung gelang es einigen wenigen Sinti und Roma, durch Flucht der Deportation zu entgehen und unterzutauchen. Die meisten wurden jedoch nach kurzer Zeit entdeckt und ebenfalls nach Auschwitz verschleppt.

"Zufolge Auftrags des Landratsamtes Mosbach vom 22. März 1943 habe ich zusammen mit vier Gendarmen der Reserve 53 Zigeunermischlinge mit Sondertransport von Mosbach nach Auschwitz transportiert und dort in das Konzentrationslager eingeliefert. Die Haftunterlagen wurden mit abgegeben. Übernahmebestätigung der 53 Zigeunermischlinge ist angeschlossen... Im Allgemeinen kann gesagt werden, dass der Transport ordnungsgemäß verlaufen ist. Die Fahrtroute und Fahrtzeiten wurden eingehalten, wie es vorher festgelegt war... Für den Transportführer und die Begleitmannschaft waren es harte Tage und Nächte während des Transports... Ich habe aus diesem Grunde der Begleit-mannschaft nach Rückkehr im Benehmen mit dem Kreisführer einen Tag zur Erholung und Reinigung freigegeben." (Bericht des Gendarmeriepostens Oberschefflenz an den Landrat in Mosbach vom 28.3.1943)

Luftaufnahme von Auschwitz-Birkenau (Staatl. Museum Auschwitz)

Die in Auschwitz-Birkenau eintreffenden Sinti- und Roma-Familien wurden im Lagerabschnitt B II e, von der SS "Zigeunerlager" genannt, inhaftiert. Rechts und links der Lagerstraße standen jeweils 20 Baracken. Bis zu 800 Menschen wurden in einer Baracke zusammengepfercht. Daneben gab es so genannte "Funktionsbaracken" wie den Krankenbau oder die Schreibstube. Der gesamte Lagerabschnitt war mit einem elektrisch geladenen Stacheldraht umgeben.

Die an der "Rampe" ankommenden Häftlinge wurden zunächst in "arbeitsfähig" und "nichtarbeitsfähig" selektiert. Die Menschen, die als "nichtarbeitsfähig"eingestuft worden waren, wurden sofort in die Gaskammern gebracht und dort ermordet. Die "arbeitsfähigen" Häftlinge wurden nach Geschlechtern getrennt in Lagerbüchern erfasst. Außerdem tätowierte man ihnen ein "Z" mit einer Nummer auf den Arm, kleinen Kindern auf den Oberschenkel.

Franz Rosenbach mit seiner Mutter kurz vor der Deportation nach Auschwitz

"Im März 1943 wurde ich direkt von meinem Arbeitsplatz bei der Bahn von der Gestapo abgeholt und zusammen mit meiner Mutter, meinem Onkel und dessen Kindern in das so genannte 'Zigeunerlager' Auschwitz-Birkenau deportiert. Ich war damals 15 Jahre alt. Meine drei größeren Schwestern und mein Vater waren bereits zuvor dorthin verschleppt worden. Von meinen Schwestern musste ich in Auschwitz erfahren, dass mein Vater zwei Tage vor unserer Ankunft von der SS erschlagen worden war.

Das so genannte 'Zigeunerlager' lag unmittelbar neben dem Abschnitt, wo die Juden untergebracht waren; getrennt waren wir durch einen elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun. In unserer Baracke waren 500 bis 600 Menschen zusammengepfercht, dicht gedrängt lagen wir in den Buchsen.

Die Nässe und die Kälte waren kaum auszuhalten. Bald nach der Ankunft wurde ich eingeteilt zur Zwangsarbeit im Kommando Kanalbau in Birkenau, das nur aus Sinti und Roma bestand. Es gab keine Schuhe, keine Strümpfe, bei Sturm und Regen mussten wir ununterbrochen Lehm schaufeln. Mit großen Stöcken wurden die abgemagerten Häftlinge bis zur völligen Erschöpfung angetrieben; jeden Abend mussten wir Tote heimtragen." (Franz Rosenbach)

Im März und im Mai 1943 kam es zu den ersten Massenvergasungen, bei denen über 2.700 Männer, Frauen und Kinder mit dem Giftgas Zyklon B ermordet wurden. Außerdem wurden Sinti und Roma in Auschwitz, aber auch in anderen KZs, für grausame medizinische Experimente missbraucht. Die meisten der nahezu 23.000 nach Auschwitz deportierten Sinti und Roma fielen dort dem Terror der SS, der Zwangsarbeit oder den unmenschlichen Lebensbedingungen zum Opfer. Vor allem die im Lager geborenen Säuglinge und die Kleinkinder hatten so gut wie keine Überlebenschance.

Nach Selektionen durch die SS wurden im Frühjahr und Sommer 1944 etwa 3.000 Sinti und Roma zur "Vernichtung durch Arbeit" in andere Konzentrationslager im Reichsgebiet deportiert. In Auschwitz blieben 2.900 Menschen zurück, vor allem Alte, Frauen und Kinder. Sie alle ermordete die SS bei der "Liquidierung" des "Zigeunerlagers" in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 in den Gaskammern.

Auch nach diesem Mord trafen noch Transporte mit Sinti und Roma in Auschwitz ein. So wurden am 26. September 1944 200 Sinti und Roma - die meisten waren Kinder und Jugendliche zwischen 9 und 15 Jahren - von Buchenwald nach Auschwitz deportiert und zwei Wochen später in den Gaskammern umgebracht. Die letzten Überlebenden wurden kurz vor Kriegsende zu langen "Todesmärschen" gezwungen oder direkt in den KZs ermordet.

Trotz der grauenhaften Zustände in den Lagern leisteten die Sinti und Roma immer wieder verzweifelten Widerstand und widersetzen sich den Nationalsozialisten bis in den Tod.

"Die Waggons wurden von außen verriegelt, wir waren gefangen und abgeschnitten von dieser Welt. Die Züge fuhren an, die Waggons überfüllt von Menschen, Familien mit ihren Kindern und Kleinstkindern. Die Luft hier drin war drückend und schwer zum Atmen. Das Schreien der Masse war unerträglich. Ich weiß nicht, wie lange wir fuhren, bis wir Halt machten, um den Waggon von Unrat zu säubern. Diese winzigen Minuten reichten kaum aus, um die Lunge mit frischer Luft zu füllen. Auf den Halteplätzen standen die SS-Totenkopfträger mit entsicherten Maschinenpistolen. Viele Menschen gerieten in Panik und flüchteten nach allen Seiten, wo die Kugeln sie dann tödlich trafen. Unsere Verzweiflung war unbeschreiblich groß. Wir drückten uns alle in einem Knäuel zusammen und suchten uns gegenseitig Schutz zu geben.

Dann wurden wir wieder in die Waggons hineingetrieben mit Tritten und Gewehrkolben. Viele der alten Menschen und Kleinkinder überlebten den Transport nicht; tagelang lagen die Toten zwischen uns. Hielten wir an, so wurden sie einfach herausgeworfen. Die Fahrt, unser Elend wollte kein Ende nehmen. Wir glaubten schon, wir müssten in diesem Viehwaggon ersticken, als endlich die Türen von außen aufgerissen wurden. Wir wurden herausgezerrt und auf dem Bahnhof Kattowitz von der SS durchgezählt. Mutter und ich sahen uns an, sie sah sehr mitgenommen aus. Was unsere Augen im Innern der Waggons erblicken mussten, war viel schlimmer als der ewige Tod: Die Leichen der Babys, die Leichen der alten Menschen lagen zwischen Unrat und Dreck. Es war erbarmungslos, was hier mit den Menschen geschah!

In Reihen wurden wir nun mit Knüppeln zurechtgewiesen, auf unser Bitten und Flehen erhielten wir als Antwort nur Fußtritte. Immer weiter trieb uns die SS an, viele konnten nicht mehr mithalten und fielen einfach um, andere versuchten einen verzweifelten Ausbruch, doch nur Schreie und Kugeln waren die Antwort. Einige Lastwagen mit SS-Männern rollten neben uns her und nahmen die Leichen auf. Hier wurde nicht gefragt, ob noch Leben in den Menschen war, egal ob Mann, Frau oder Kind, alle wurden durcheinander auf den Leichenlastwagen geworfen. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir marschieren mussten, es kam mir endlos vor. Bei einem kurzen Halt sahen wir in der Ferne meterhohe Stacheldrahtzäune, viele Baracken und Wachtürme. Noch mehr SS-Bewachung kam uns auf beiden Seiten entgegen. Nun wurden wir erst recht erbarmungslos immer schneller vorangetrieben, bis wir endlich im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ankamen.

Es war ein kalter Winter, und wir waren vor Kälte schon während unseres Marsches fast erstarrt. Doch auch in den Baracken, in die wir hineingepfercht wurden, herrschte eisige Kälte. Wir drückten uns alle zusammen, um uns gegenseitig zu wärmen. Der große Hunger machte uns halb wahnsinnig. Einige klagten und riefen verzweifelt nach ihren Angehörigen. Eltern, die Babys hatten, hatten keine Nahrung für sie, und diese waren schon mehr dem Tode als dem Leben geweiht. Das Schreien der Kinder schallte durch den Block, es war die Hölle auf Erden; keiner konnte helfen, keiner griff ein: Alles, was hier geschah, war unfassbar." (Barbara Adler berichtet über die Deportation nach Auschwitz)