Rassenideologie

Die "Rassenhygienische Forschungsstelle" (Bundesarchiv)

Der moderne biologische Rassismus entstand im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Sein Kern war die Einteilung und Behandlung von Menschengruppen nach einer angeblich angeborenen unterschiedlichen Wertigkeit. Vehement propagiert, fand die neue "Rassenlehre" nicht nur Eingang in die Universitäten, sondern auch in das Denken breiter bürgerlicher Schichten. Im Nationalsozialismus wurde die Lehre von der "Minderwertigkeit" und "Höherwertigkeit" der Rassen, ihre Einteilung in "Herrenmenschen" und "Untermenschen", zur Staatsdoktrin erhoben. Schon seit 1931 sammelten NS-Stellen Daten über die deutschen Sinti und Roma. Sie wurden ebenso wie Juden zu "Fremdrassigen" erklärt, die aus der "Volksgemeinschaft" auszuschließen und letztlich "auszumerzen" seien.

Die Rassenideologie war das eigentliche Bewegungsgesetz des Nationalsozialismus; sie blieb für die Entscheidungen der NS-Führung trotz aller taktischen Wendungen und Anpassungen stets bestimmend. Ziel war die Schaffung einer neuen Gesellschaft auf "rassischer" Grundlage bis hin zur "rassischen Neuordnung" Europas unter "arischer" Vorherrschaft. Dabei diente die vorgebliche "Wissenschaftlichkeit" der Rassendoktrin als Rechtfertigung für die Ausgrenzung und schließlich für die systematische Vernichtung von Millionen Menschen. Die Indoktrination der Bevölkerung war ein zentrales Element des nationalsozialistischen Herrschaftssystems. Tausende Mitarbeiter im Propagandaapparat unter Joseph Goebbels kontrollierten die öffentliche Meinung und das kulturelle Leben. Neben den damals neuen Medien Rundfunk und Film wurde die gleichgeschaltete Presse zum zentralen Instrument der NS-Propaganda.

Wie die jüdische Bevölkerung, so waren auch die deutschen Sinti und Roma gezielten Pressekampagnen ausgesetzt. Ihre systematische Kriminalisierung sollte dazu beitragen, die Verfolgungsmaßnahmen zu rechtfertigen und die Akzeptanz der Bevölkerung wie auch die Mitarbeit der Verwaltung sicherzustellen.

"Ratten, Wanzen und Flöhe sind auch Naturerscheinungen, ebenso wie die Juden und Zigeuner ... Alles Leben ist Kampf. Wir müssen deshalb alle diese Schädlinge biologisch allmählich ausmerzen, und das heißt heute, die Lebensbedingungen durch Sicherheitsverwahrung und Sterilisationsgesetze so grundlegend ändern, dass alle diese Feinde unseres Volkes langsam aber sicher zur Ausmerze gelangen." (Zeitschrift des Deutschen Ärztebundes, 1938)

Die nationalsozialistische Rassenideologie fand Eingang in Lehrpläne und Schulbücher; selbst in medizinischen Fachzeitschriften wurde unverhohlen die "Ausmerzung" aller Sinti und Roma gefordert. Das Zerrbild des "Zigeuners" in der NS-Propaganda trug wesentlich dazu bei, ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, in dem die Deportation der Sinti und Roma in die Todeslager schließlich ohne Proteste hingenommen wurde.

"Während die farbigen Völker meist weit entfernt von uns wohnen und auch durch ihre körperlichen Abweichungen das Trennende stark offenbaren, liegen für unser Volk zwei andere Gefahren der Rassenmischung viel näher. Hier handelt es sich um fremde Rassenelemente, die zwar hellhäutiger sind, aber seelisch besonders stark von den Eigenschaften unserer Rasse abweichen. Das sind einmal die Zigeuner [...] In Deutschland halten sich heute etwa 6.000 Rassezigeuner und 12.000 Zigeunermischlinge (Halbzigeuner) auf. Natürlich beziehen sich unsere Rassenschutzgesetze auch auf die Zigeuner, da sie ja nicht 'deutschblütig', sondern fremdrassig sind."

Für die Gesamtheit der im deutschen Volk unter dem bestimmenden Einfluss der nordischen Rasse vereinigten eigenrassischen Bestandteile verwendet man den Ausdruck 'arisch'. Arischer Abstammung ist also ein Mensch, der frei von anderem (fremdem) Rassenerbgut ('Blut') ist. Als fremd gelten außer den Juden alle eingeborenen Rassen der nichteuropäischen Erdteile sowie die Zigeuner. Arische Abstammung ist Bedingung für alle Berufsbeamten (Gesetz vom 7. April 1933), Rechtsanwälte, Notare, Patentanwälte, Apotheker; Ärzte, Zahnärzte und Zahntechniker bei den Krankenkassen; für Wehrmacht; Arbeitsdienst und NSDAP."

(aus: Biologie-Schulbuch "Das Leben" für die 5. Klasse, 1942)

Um Sinti und Roma nach "rassischen" Kriterien zu definieren und zu erfassen, bedienten sich die Nationalsozialisten der Hilfe der "Wissenschaft". Zur totalen Erfassung aller Sinti und Roma wurde 1936 im Berliner Reichsinnenministerium die "Rassenhygienische Forschungsstelle" unter Leitung von Dr. Robert Ritter eingerichtet. "Rassenforscher" hatten an der ideologischen Vorbereitung und an der praktischen Umsetzung der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik wesentlichen Anteil.