Der Weg in den Völkermord

Deportation der Remscheider Sinti und Roma nach Auschwitz im März 1943 (Hist. Zentr. Remscheid)

Am 21. September 1939 wurde bei einer Konferenz des Berliner Reichssicherheitshauptamts (RSHA) die Deportation aller 30.000 Sinti und Roma aus dem Reichsgebiet in das besetzte Polen beschlossen. Dessen westlicher Teil wurde dem Deutschen Reich eingegliedert und sollte "eingedeutscht" werden. Der übrige, als "Generalgouvernement" bezeichnete, Teil Polens war als riesiges Reservoir von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern für die deutsche Rüstungsindustrie vorgesehen. Tausende von Menschen, die man als "rassisch minderwertig" einstufte, wurden in Gettos und Konzentrationslager verschleppt, in denen sie auf engstem Raum zusammengepfercht leben mussten. Von dort erfolgten dann später die Transporte in die Vernichtungslager.

Als vorbereitende Maßnahme zur Deportation ordnete Heinrich Himmler am 17. Oktober 1939 die "Festsetzung" aller Sinti und Roma an: Ihnen wurde unter Androhung von KZ-Haft verboten, ihre Wohnorte zu verlassen. Selbst wer auswärtige Verwandte besuchte, lief Gefahr, in ein Konzentrationslager verschleppt zu werden. Am 30. Januar 1940 bekräftigte der Chef des RSHA, Reinhard Heydrich, auf einer Konferenz noch einmal die Absicht der nationalsozialistischen Führung, alle Sinti und Roma aus dem Reich in das "Generalgouvernement" zu deportieren.

 

"Nach den beiden Massenbewegungen
a) von 40.000 Polen und Juden im Interesse der Baltendeutschen und
b) von etwa 120.000 Polen im Interesse der Wolhyniendeutschen, soll als letzte Massenbewegung die Abschiebung von sämtlichen Juden der neuen Ostgaue und 30.000 Zigeunern aus dem Reichsgebiet in das Generalgouvernement erfolgen. Nachdem festgestellt wurde, dass die Räumung von 120.000 Polen etwa im März zu laufen beginnt, muss die Evakuierung von Juden und Zigeunern bis zur Beendigung der vorgenannten Aktionen aufgeschoben werden. Jedenfalls ist aber der Verteilungsschlüssel vom Generalgouvernement bekannt zu geben, damit die Planung einsetzen kann."
(Aus dem Protokoll einer Besprechung der SS-Führung unter Vorsitz von Reinhard Heydrich am 30. Januar 1940)

Drei Monate später, am 27. April 1940, ordnete Himmler die Deportation von 2.500 Sinti und Roma in das "Generalgouvernement" an. In Hamburg, Köln und in der Festung Hohenasperg bei Stuttgart entstanden besondere Sammellager. Die Menschen wurden fotografiert und in Namenslisten erfasst. Ihre Wertsachen und Papiere zog man ein, stattdessen erhielten sie so genannte "Zigeunerausweise". Im Sammellager Hohenasperg führte ein eigens aus Berlin angeforderter Mitarbeiter der "Rassenhygienischen Forschungsstelle", Dr. Würth, an etwa 200 Menschen Nachuntersuchungen durch, da ihre im Himmler-Erlass geforderten "Rassegutachten" nicht vorlagen. Er stufte zwanzig Personen als "Nichtzigeuner" ein, die von der Deportation ausgenommen blieben.

Im Mai 1940 verließen die Deportationszüge mit den Sinti- und Roma-Familien die provisorisch eingerichteten Sammellager. Bereitwillig stellte die Reichsbahn Sonderzüge zur Verfügung. Ihr Ziel waren die Gettos und Konzentrationslager im besetzten Polen. Für die Mehrzahl der deportierten Männer, Frauen und Kinder war es eine Fahrt in den Tod. Das zurückgebliebene Vermögen wurde als "volks- und staatsfeindlich" eingezogen.

Chronologie 1939 - 1940

1939
21. September: Auf einer von Heydrich einberufenen Konferenz wird beschlossen, die rund 30.000 im "Großdeutschen Reich" lebenden "Zigeuner" in das "Generalgouvernement Polen" zu deportieren.
13. Oktober: SS-Oberführer Nebe bittet Eichmann um Auskunft, "wann er die Berliner Zigeuner schicken kann."
16. Oktober: Nebe wird mitgeteilt, dem ersten am 20. Oktober 1939 abgehenden Judentransport "können 3 bis 4 Waggon Zigeuner angehängt werden."
17. Oktober: Himmer ordnet an, dass alle "Zigeuner" ihren Wohnsitz nicht mehr verlassen dürfen ("Festschreibungserlass").
November: Der Höhere SS- und Polizeiführer in Krakau, Krüger, plädiert für eine Zwangsumsiedlung alle "Juden und Zigeuner aus dem Reichsgebiet ins Generalgouvernement Polen."
25. November: Das "Rassenpolitische Amt" der NSDAP fordert in einer Denkschrift die Deportation alle "Zigeuner" aus dem Deutschen Reich.

1940
30. Januar: Eine Konferenz unter Leitung Heydrichs beschließt, dass als "letzte Massenbewegung" sämtliche Juden der "neuen Ostgaue" und alle Sinti und Rooma aus dem Reichsgebiet in das "Generalgouvernement" zu deportieren seien.
27. April: Himmler ordnet die erste familienweise Deportation von 2.500 deutschen Sinti und Roma in das besetzte Polen an.