Der nationalsozialistische Völkermord
an den Sinti und Roma

Else Schmidt (Mitte), hier mit ihren beiden Stiefschwestern, überlebte die KZs nur, weil es ihrem Vater gelang, sie aus dem KZ Ravensbrück zu befreien

Entgegen den Zerrbildern der NS-Propaganda waren Sinti und Roma vor der "Machtergreifung" in das gesellschaftliche Leben integriert. Viele hatten im Ersten Weltkrieg in der Armee gedient und Auszeichnungen erhalten.

Ein knappes Jahr vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler berichtete ein Reporter der "Pfälzischen Rundschau" über die Eußerthaler Sinti, die dort seit Generationen beheimatet waren:

"Die Zigeunerfamilien kommen ins Dorf, kaufen ihre Milch und ihr Brot, fallen sonst nicht auf, schicken ihre Kinder in die Ortsschule, besuchen den Gottesdienst, denn sie sind zum römischkatholischen Glauben übergetreten und haben auch bei der letzten Reichspräsidentenwahl ihre Staatsbürgerpflicht erfüllt."

Schon mit Beginn der NS-Herrschaft wurde diese Normalität des Zusammenlebens systematisch zerstört. Auf der Grundlage der nationalsozialistischen Rassenideologie wurden Sinti und Roma schrittweise entrechtet, ihrer Lebensgrundlage beraubt und schließlich in die Vernichtungslager deportiert. Die letzten Familien im Zuge des Auschwitzerlasses vom 16. Dezember 1942.

Anfertigung von Kopfmodellen in der "Rassenhygienischen Forschungsstelle" (Bundesarchiv)

Die mit der "Rasse" begründete "Endlösung" unterschied sich in radikaler Weise von allen vorangegangenen Formen der Verfolgung und kann keinesfalls in der bloßen Kontinuität staatlicher „Zigeunerpolitik“ betrachtet werden. Vielmehr stellte der Holocaust an den Sinti und Roma einen fundamentalen Einschnitt in der jahrhundertealten, gemeinsamen Geschichte von Minderheit und Mehrheitsgesellschaft dar. Zugleich bedeutete er einen Bruch mit den tradierten Formen politischen Denkens und Handelns.

Ziel der vom NS-Staat organisierten Mordpolitik war die vollständige Vernichtung der Minderheit vom Säugling bis zum Greis. Die Realisierung dieses Völkermords war nur im Kontext der nationalsozialistischen Rassenideologie und unter den Bedingungen totalitärer Herrschaft sowie der bis dahin ungeahnten Gewaltentfesselung im Zweiten Weltkrieg möglich. Nach Schätzungen fielen im nationalsozialistisch besetzten Europa 500.000 Sinti und Roma dem Holocaust zum Opfer – einem Verbrechen, das sich jedem historischen Vergleich entzieht und das in seinem Ausmaß unvorstellbar bleibt.

Der historische Bruch des Holocaust hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Minderheit eingegraben und wird auch noch die Identität künftiger Generationen prägen. Auch deshalb, weil der Völkermord an den Sinti und Roma in der Geschichtsschreibung bisher noch nicht vollständig aufgearbeitet wurde.