Sinti & Roma

"Zigeuner" kommen 1414 nach Bern (Miniatur aus der Spiezer Chronik des 15. Jahrhunderts, Quelle: Burgerbibliothek Bern)

Sinti und Roma leben seit Jahrhunderten in Europa. In ihren jeweiligen Heimatländern bilden sie historisch gewachsene Minderheiten, die sich selbst Sinti oder Roma nennen, wobei Sinti die in West- und Mitteleuropa beheimateten Angehörigen der Minderheit, Roma diejenigen ost- und südosteuropäischer Herkunft bezeichnet. Außerhalb des deutschen Sprachraums wird Roma als Name für die gesamte Minderheit verwendet.

Der Begriff "Zigeuner" ist dagegen eine in seinen Ursprüngen bis ins Mittelalter zurückreichende Fremdbezeichnung der Mehrheitsbevölkerung und wird von der Minderheit als diskriminierend abgelehnt. Wird er im Kontext historischer Quellen verwendet, so sind die hinter diesem Begriff stehenden Klischees und Vorurteile stets mit zu bedenken. Etymologisch ist der Begriff nicht eindeutig ableitbar. Er beinhaltet sowohl negative als auch romantisierende Bilder und Stereotypen, die real existierenden Menschen zugeschrieben werden. Daher ist der Begriff zuallererst ein Konstrukt.

In Deutschland sind Sinti und Roma seit 600 Jahren beheimatet. Die etwa 70.000 hier lebenden deutschen Sinti und Roma sind eine nationale Minderheit und Bürgerinnen und Bürger dieses Staates. Neben Deutsch sprechen sie als zweite Muttersprache die Minderheitensprache Romanes.

Im 18. Jahrhundert wurde anhand sprachwissenschaftlicher Untersuchungen die Herkunft der Sinti und Roma aus Indien nachgewiesen, denn das Romanes ist mit der altindischen Hochsprache Sanskrit verwandt. In den jeweiligen Heimatländern der Sinti und Roma entwickelten sich jedoch im Laufe der Jahrhunderte unterschiedliche Romanes-Sprachen; so auch bei den deutschen Sinti.

Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts wurden Sinti und Roma in fast allen europäischen Ländern urkundlich erwähnt; in Deutschland erstmals 1407 in der Bischofsstadt Hildesheim. Bereits 1446 verlieh der Rat der Stadt Frankfurt einem "Heincz von Mulhusen zyguner" das Bürgerrecht.

"Züginer oder Heiden" aus Sebastian Münsters "Kosmographie" (Holzschnitt, 1550)

Anfangs standen die Angehörigen der Minderheit unter dem Schutz der deutschen Obrigkeit, die ihnen "Schutzbriefe" ausstellte. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts jedoch, als die spätmittelalterliche Gesellschaft an der Schwelle zur frühen Neuzeit eine Phase des politischen und sozialen Umbruchs erlebte, wurden Sinti und Roma zunehmend unterdrückt und verfolgt. Die Zünfte untersagten ihnen die Ausübung von Handwerksberufen, aus zahlreichen Gebieten wurden sie vertrieben.

Dabei fällt auf, dass der Antiziganismus wie der Antisemitismus von Anfang an religiöse Aspekte aufwies, indem man "Zigeuner" als Heiden oder gar als Verbündete des Teufels stigmatisierte. Wie die Juden, so wurden auch die Sinti und Roma in der Folge immer wieder zu Sündenböcken für alle möglichen Missstände gemacht. Allerdings vermitteln die überlieferten Akten, in denen Sinti und Roma lediglich als Objekte staatlicher Maßnahmen erscheinen, ein einseitiges und verzerrtes Bild. Denn parallel zur Politik der Ausgrenzung hat es vor allem auf lokaler und regionaler Ebene vielfältige Formen eines normalen und friedlichen Zusammenlebens von Minderheit und Mehrheitsbevölkerung gegeben, wie die folgenden Beispiele aus dem süddeutschen Raum verdeutlichen:
 
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts finden sich in den Stammrollen der Pirmasenser Leibgrenadierregimenter des Landgrafen Ludwig IX. die Namen von so genannten "Zigeunersoldaten", darunter einige der ältesten Sinti-Familien der Pfalz.

Geleitbrief König Friedrichs III. für Graf Michel vom 15. April 1442

"Wenn der gegenwärtige Michel, Graf der Zigeuner, diesen Brief vorweisend, mitsamt seinen anderen Gesellen in unsere und des Heiligen Reiches Länder und unserer anderen Fürstentümer kommen wird, begehren wir von euch, den Untertanen unserer Reiche, mit besonderem Nachdruck gütlich und ernstlich gebietend, dass ihr eben diesen Michel mitsamt seiner Gesellschaft durch euer und unser Land sicher und ungehindert ziehen, auch sie für ihr Geld all ihre Notdurft kaufen und erwerben lasst und sie nicht zu Unrecht beschwert noch es jemand anderem zu tun gestattet." (Geleitbrief König Friedrichs III. für Graf Michel)

Diese und viele weitere Beispiele zeigen, dass die Lebenswirklichkeit der Sinti und Roma grundsätzlich von den antiziganistischen Klischees unterschieden werden muss, die seit Jahrhunderten im kollektiven Bewusstsein der Mehrheitsgesellschaft verwurzelt sind und die auch die Nationalsozialisten für ihre propagandistischen Zwecke benutzten.