05.07.2019 |  Allgemein

Das waren die ersten Kulturtage der Sinti und Roma in Heidelberg

Mit mehr als 10 Veranstaltungen an 5 Tagen sind die ersten Kulturtage der Sinti und Roma in Heidelberg zu Ende gegangen. Vom 22. bis 26. Juni 2019 wurden mit Jazz-, HipHop- und Klassik-Konzerten, Vortrags- und Diskussionsformaten sowie Ausstellungen und Kunstperformances Antworten auf aktuelle politische Fragestellungen gesucht. Im Mittelpunkt standen die Begriffe „Heimat“ und „Identität“. Die Kulturtage der Sinti und Roma wurden gefördert von der Baden-Württemberg Stiftung und der Heidelberger Partnerschaft für Demokratie und standen unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier.

"Wem gehört Heimat?" am 22. Juni mit Alfred Ullrich auf dem Uni Platz HD (c) Dokumentationszentrum

Ausstellungseröffnung von Alfred Ullrich am 23. Juni im Dokumentationszentrum (c) Dokumentationszentrum

Biréli Lagrène, Holzmanno Winterstein und Vali Mayer am 24. Juni im Karlstorbahnhof (c) Dokumentationszentrum

Historische Stadtführung mit Ilona Lagrene am 25. Juni in der Heidelberger Altstadt (c) Dokumentationszentrum

Ausstellungseröffnung "Sinti in der Frühen Neuzeit" am 25. Juni im Rathaus HD (c) Dokumentationszentrum

HipHop mit Baro Dano, Maio und Imaa am 25. Juni im Karlstorbahnhof (c) Dokumentationszentrum

Marionettentheater "Die Rollende Kulisse" am 26. Juni im Dokumentationszentrum (c) Dokumentationszentrum

Fachvorträge "Wie wird Fremdheit gemacht?" am 26. Juni im Dokumentationszentrum (c) Dokumentationszentrum

Die Roma und Sinti Philharmoniker am 26. Juni im Schlosshotel Molkenkur (c) Dokumentationszentrum

„Mit Würde leben“ – diese drei Worte ritzten der Künstler Alfred Ullrich, der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Jacques Delfeld, und Andrea Edel, Leiterin des Kulturamts der Stadt Heidelberg, zum Auftakt der Kulturtage am 22. Juni auf dem Universitätsplatz in den noch flüssigen Beton, den Alfred Ullrich zuvor angerührt und in drei Holzformen gefüllt hatte. Die Kunstperfomance stand unter dem Motto „Wem gehört Heimat?“ und sollte ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die Sinti und Roma, obwohl schon seit mehr als 600 Jahren in Deutschland zuhause, selbst noch in der Bundesrepublik in mühevoller Bürgerrechtsarbeit nach den leidvollen Erfahrungen des Holocaust das Recht auf Heimat lange haben erkämpfen müssen. Musikalisch begleitet von Jazzimprovisationen des Gitarristen Luto Daniel und unter den Augen von – trotz strömenden Regens – zahlreichen Zuschauern, wurde ein Zeichen für ein menschenwürdiges und vielfältiges Zusammenleben in unserer Gesellschaft gesetzt.

Bei der Eröffnung der Ausstellung „Unsere Heimat“ von Alfred Ullrich am 23. Juni wurde die Aktion des Vortrags bei einem öffentlichen Gespräch mit dem Künstler, Stefan Hohenadl (Kulturamt Heidelberg) und André Raatzsch (Dokumentationszentrum)  erneut reflektiert. Dabei ging es unter anderem um die gesellschaftliche Dimension der Kunst. Dass Alfred Ullrich hier mit seinen Arbeiten den Nerv aktueller gesellschaftlicher Diskurse trifft, zeigte eine lebhafte Debatte zum „Heimat“-Begriff, die sich mit dem Publikum entwickelte.

Bei der Podiumsdiskussion „Bin ich deutsch? Und ist das wichtig?“ am 24. Juni diskutierten drei junge, politisch engagierte Sinti und Roma und ein jüdischer Student und Aktivist über Heimat, Identität und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Trotz mitunter kontroverser Diskussionen zum Beispiel zum Begriff der „Mehrheitsgesellschaft“ warben alle Teilnehmer des Podiums für gesellschaftliche Offenheit und Dialog und betonten die Kraft der Begegnung, um Vorurteile gegenüber Sinti, Roma und Juden zu überwinden. Aus Wortbeiträgen aus dem Publikum entwickelte sich eine Diskussion darüber, inwiefern eigene Ausgrenzungs- und Vorurteilserfahrungen die Grundlage vom Empathie und Solidarität auch bei Nicht-Angehörigen diskriminierter Gruppen mit eben diesen ermöglichen können. Einerseits dürfe dabei der Unterschied von Völkermord und Verfolgung, die Sinti, Roma und Juden erleiden mussten und alltäglichem Klischee-Denken, das vielen Menschen in der ein oder anderen Weise begegnet, nicht relativiert werden, andererseits läge hier auch ein Potential empathischer Verständigung, so die Teilnehmer.

Bei dem ausverkauften Konzert von Biréli Lagrène, Holzmanno Winterstein und Vali Mayer im Karlstorbahnhof, das ebenfalls am 24. Juni stattfand, zeigten die drei Musiker die ganze Bandbreite ihres Könnens und wussten das Publikum mit ihrer Spielfreude und ihrem unverwechselbaren Sound zu begeistern. Die Rhein-Neckar-Zeitung schrieb in ihrer Konzertkritik, die Klänge, die von den drei international anerkannten Größen der Jazzmusik zu hören waren, seien unkonventionell und die Soli wild und unvorhersehbar gewesen.

Auch von einem weiteren musikalischen Beitrag der Kulturtage, dem Konzert der Roma und Sinti Philharmoniker am 26. Juni im Spiegelsaal des Schlosshotels Molkenkur, war der Musikkritiker der Rhein-Neckar-Zeitung überzeugt: er betonte die hohe Qualität des Klangkörpers, die dieser „von den ersten Takten an“ gezeigt hätte. Die Roma und Sinti Philharmoniker unter der Leitung von Riccardo M Sahiti spielten Stücke von Camille Saint-Saëns, John Williams, Dimitrij Schostakowitsch, Astor Piazzolla, Jules Massenet, Gustav Mahler und Pablo de Sarasate und zeigten exemplarisch, wo die Musik der Sinti und Roma Eingang in die klassische Musik gefunden hat.

Auch musikalisch aber gänzlich anders präsentierten Maio, Baro Dano und Imaa ihre Version des Hiphop im Karlstorbahnhof am 25. Juni. Bei „Sinti Rap Finest – Generation G-Funk“ rappten und sangen die Künstler auf Deutsch, Englisch und Romanes und zeigten, dass Sinti und Roma nicht nur den Jazz und die Klassik beeinflusst haben, sondern auch im Hiphop ihre Spuren hinterlassen.

In einer Zeit, in der antiziganistische Klischees in Europa an Zuspruch gewinnen, kommt der Beschäftigung mit der Frühgeschichte der Minderheit eine besondere politische Bedeutung zu. Schließlich basiert Antiziganismus auf der Stigmatisierung der Minderheit als fremde und außenstehende Gruppe. Die Ausstellung "Sinti in der Frühen Neuzeit - Akzeptanz, Dissens, Kooperation" zeigt, wie sich diese Stigmatisierung schon seit Jahrhunderten verfestigt hat. Der Blick auf die Frühe Neuzeit zeigt dagegen aber auch die gewachsenen und immer wieder aktualisierten Verbindungen zwischen Minderheit und Mehrheit. Die Ausstellung blickt auf einen vier Jahrhunderte umfassenden Zeitraum, von der Ankunft der Sinti Anfang des 15. Jahrhunderts bis in das 19. Jahrhundert. Die Ausstellung ist, nachdem sie im Rahmen der Kulturtage im Rathaus Heidelberg gezeigt wurde, ab dem 9. Juli im Dokumentationszentrum zu sehen.

Weitere Veranstaltungen waren Aufführungen des Marionettentheaters „Rollende Kulisse“, die über 100 Kinder aus umliegenden Kindergärten angesehen haben, eine historische Stadtführung zu der über 40 Personen gekommen sind sowie Fachvorträge von Dr. Frank Reuter und André Raatzsch, die den Antiziganismus wissenschaftlich beleuchteten.

Ein digitaler Beitrag zu den Kulturtagen der Sinti und Roma war ein über Facebook und Youtube abrufbares Online-Event, das Einblicke in 45 Jahre Bürgerrechtsarbeit der Sinti und Roma gibt: Bürgerrechtler*innen und Weggefährt*innen erinnern sich. Die Videoclips sind noch unter https://www.facebook.com/sintiundroma/

oder https://www.youtube.com/user/Dokuz100 aufrufbar. Die Langeversion der Filme können unter www.sintiundroma.de/sinti-roma/buergerrechtsbewegung.html angesehen werden.

Das vollständige Programm der Kulturtage der Sinti und Roma 2019 finden Sie hier.

Die nächsten Kulturtage der Sinti und Roma werden im Jahr 2021 stattfinden.

Die Kulturtage der Sinti und Roma standen unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier.

Die Kulturtage wurden gefördert von der Baden-Württemberg Stiftung und der Heidelberger Partnerschaft für Demokratie.