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Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma


Urkunde zur Verleihung einer Erinnerungs-
Medaille an den "Musketier Oskar Rose" vom 20. Juli 1897

Entgegen den Zerrbildern der NS-Propaganda waren Sinti und Roma vor der "Machtergreifung" als Nachbarn und Arbeitskollegen in das gesellschaftliche Leben und in die lokalen Zusammenhänge integriert. Viele hatten im Ersten Weltkrieg in der kaiserlichen Armee gedient und hohe Auszeichnungen erhalten.

 

Ein knappes Jahr vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler berichtete ein Reporter der "Pfälzischen Rundschau" über die Eußerthaler Sinti, die dort seit Generationen beheimatet waren:

 

 

"Die Zigeunerfamilien kommen ins Dorf, kaufen ihre Milch und ihr Brot, fallen sonst nicht auf, schicken ihre Kinder in die Ortsschule, besuchen den Gottesdienst, denn sie sind zum römischkatholischen Glauben übergetreten und haben auch bei der letzten Reichspräsidentenwahl ihre Staatsbürgerpflicht erfüllt."

 


Wilhelm Ernst während des Kaiserreichs; er nahm am Ersten Weltkrieg teil

Mit dem Beginn der NS-Herrschaft wurde diese Normalität des Zusammenlebens systematisch zerstört. Auf der Grundlage der nationalsozialistischen Rassenideologie wurden Sinti und Roma schrittweise entrechtet, ihrer Lebensgrundlage beraubt und schließlich in die Vernichtungslager deportiert. Die letzten Sinti- und Roma-Familien, die bis dahin noch nicht in KZs inhaftiert wurden, werden im Zuge des Auschwitzerlasses vom 16. Dezember 1942 deportiert.

  

Die mit der "Rasse" begründete Politik der "Endlösung" unterschied sich in radikaler Weise von allen vorangegangenen Formen der Verfolgung und kann keinesfalls in der bloßen Kontinuität staatlicher "Zigeunerpolitik" betrachtet werden. Vielmehr stellte der Holocaust an den Sinti und Roma einen fundamentalen Einschnitt in der jahrhundertealten, gemeinsamen Geschichte von Minderheit und Mehrheitsgesellschaft dar. Zugleich bedeutete er einen Bruch mit den tradierten Formen politischen Denkens und Handelns. 

 


Die Kapelle von "Reckemann" Eckstein (Mitte) um 1880 (die Frau am rechten Bildrand wurde später in Auschwitz ermordet)

Ziel der vom NS-Staat organisierten Mordpolitik war die vollständige Vernichtung der Minderheit vom Säugling bis zum Greis. Die Realisierung des Völkermords an den Sinti und Roma war nur möglich im Kontext der nationalsozialistischen Rassenideologie und unter den Bedingungen totalitärer Herrschaft sowie der bis dahin ungeahnten Gewaltentfesselung im Zweiten Weltkrieg. Nach Schätzungen fielen im nationalsozialistisch besetzten Europa 500.000 Sinti und Roma dem Holocaust zum Opfer - einem Verbrechen, das sich jedem historischen Vergleich entzieht und das in seinem Ausmaß unvorstellbar bleibt.


Kinder einer niederländischen Sinti-Familie in der Zeit des Ersten Weltkriegs

 

 


Friedrich Lehmann als Soldat im Ersten Weltkrieg

 

 


Antonia Steinbach wurde später im KZ Auschwitz ermordet

 

 

 

 

 

 

 

 

  

Der historische Bruch des Holocaust hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Minderheit eingegraben und wird die Identität auch künftiger Generationen prägen, auch deshalb, weil der Völkermord an den Sinti und Roma in der Geschichtsschreibung bisher noch nicht vollständig aufgearbeitet worden ist.



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